Positive Bestärkung?
In vielen Hundeschulen hört man den Begriff „positive Bestärkung“. Dieser Begriff wird sehr unterschiedlich ausgelegt. Damit gemeint sind z.B. Belohnung von gewünschtem Verhalten, Erziehung ohne Zwang oder ein guter Aufbau von Kommandos. Zur positiven Bestärkung werden verschiedene Hilfsmittel empfohlen wie Futter, Lob, Spiel oder ein Clicker.
Die Grundlage für eine positive Erziehung ist die Beziehung (s. auch Artikel Beziehung). Fehlt diese nützen all die positiven Bestärkungen für gewünschte Kommandos nichts. Man sollte sich generell darüber Gedanken machen ob Kommandos für eine gute Beziehung förderlich sind.
Mit Belohnen kann man auch das Gegenteil bewirken. Man sollte sich immer im Klaren sein, welche Gefühlslage der Hund gerade hat, wenn man ihn belohnt. Schnell ist nämlich auch Angst belohnt.
Ein Hund lernt über Verknüpfungen. Das was er gerade erlebt und dabei empfindet, verknüpft er. Gefühle haben bei allen Lebewesen, auch bei uns Menschen, eine Bewertungsfunktion. Was der Hund also in einer Situation wahrnimmt oder erlebt wird anschliessend sofort mit positiven oder negativen Gefühlen verbunden. Hierbei kann es sich um Handlungen, Dinge, Geräusche, Gefühle oder Gerüche handeln. Er lernt nicht, ob etwas richtig oder falsch ist, sondern ob es gefährlich oder ungefährlich ist. Ist nun eine Situation aus Sicht des Hundes gefährlich und er wird dafür belohnt, erreicht man eher das Gegenteil des Gewünschten. Die Angst wird noch verstärkt.
Viel mehr sollte man dem Hund die Möglichkeit bieten, selber zu wachsen und Selbstvertrauen zu gewinnen. Mit mehr Sicherheit wächst das Zutrauen zu sich selber und zum Menschen. So lernt er, für ihn schwierige Situationen zu bewältigen.
Die Aufgabe des Menschen ist es, die Grenzen des Hundes zu sehen und ihn mit überlegten Handlungen auf seinem Weg weiterzubringen. Dazu gehört auch, klare Regeln zu setzen und diese mit Konsequenz, aber ruhig und einfühlsam, einzuhalten.
Statt stetige Kommandos zu empfangen oder mit Leckerchen gelockt oder abgelenkt zu werden, kann der Hund lernen, sich und seinem Menschen zu vertrauen und sich auszudrücken. Das ist der positive und sanfte Weg, so wie ich ihn gelernt habe und gehe. Das es der richte Weg ist, zeigt mir mein Hund tagtäglich.
Natürlich kriegt er ab und zu ein Leckerchen, aber zum richtigen Zeitpunkt.
Hunde in unserer Gesellschaft
Dass Hunde in unserer Gesellschaft keinen leichten Stand haben, wusste ich. Dass sie einen so schweren Stand haben, merke ich erst, seit ich selber einen Hund habe und mir jetzt noch vertiefteres Wissen aneigne. Bei mir steht ja nicht auf der Stirn geschrieben, was für Weiterbildungen ich bereits absolviert habe und noch absolvieren werde. Deshalb kosten mich Reaktionen und Worte von anderen Menschen auf dem Spaziergang nur noch ein müdes Lächeln. Kein Kommentar. Viele wollen es besser wissen. Viele wollen anderen Hundehalter sagen, was sie zu tun haben. Dabei übergehen sie gleichzeitig mit ihrem Hund jegliche Regeln des Anstandes. Nirgends handeln Menschen so übergriffig, wie dort, wo ein Hund an der Seite geführt wird.
Was passiert bei Menschen, die nicht über ein entsprechendes Fachwissen verfügen? Es wird mächtig in der Schüssel der Verwirrung gerührt. Die Menschen verunsichern. Die Verunsicherung wird schlussendlich wieder auf den Hund übertragen. Was ich aber am traurigsten finde, ist die Tatsache, dass die Menschen gut zuhören was links und rechts gesprochen wird und dabei vergessen, auf ihren Hund zu schauen, auf ihr Herz zu hören und den Weg geradeaus zu gehen. Wenn jemand bereits lebenslang einen Hund gehabt hat, ist das noch lange nicht Garantie dafür, dass er weiss, wie man richtig mit Hunden umgeht.
In unserer Gesellschaft wird oft ein Bild „wie ein Hund sein muss“ geschaffen. Dabei wäre es so einfach. Wenn man weiss, was ein Hund ist und seine Bedürfnisse kennt, wird man sich gar kein Bild mehr machen müssen.
Schon nur die Idee, dass Hunde lernen sollten, allen Menschen freundlich zu begegnen und sich anfassen zu lassen, ist einfach unmöglich. Gerade Menschen mit Angst haben aus der Sicht des Hundes eine bedrohliche Körpersprache. Die Menschen würden doch besser dahingehend aufgeklärt, dass man nicht einfach einem Hund die Hand vor die Nase halten soll oder alles mit den Händen anschauen muss. Man könnte ja einen Hundebesitzer mindestens fragen, ob man den Hund streicheln darf. Uns wäre das bestimmt auch zuviel, wenn uns jeder am Vorbeigehen noch rasch den Hintern tätscheln oder über den Kopf streicheln täte.
Was man wissen sollte und nicht unbedingt in jeder Hundeschule vermittelt bekommt.
- Hunde sprechen eine deutliche Körpersprache (wenn sie vom Menschen nicht wegerzogen wurde).
Wer diese lesen kann, kann auch verstehen, warum ein Hund vielleicht etwas nicht tun möchte oder kann. Von der Körpersprache können das Wohlbefinden, die Gesundheit, die Emotionen, Aufregung (Stress) sowie die Kommunikation zwischen den Hunden abgelesen werden. - Hunde brauchen nicht unbedingt direkten Kontakt zu einem anderen Hund, um mit diesem sozial kommunizieren zu können.
Manchmal finden sich Hunde sympathisch und haben zusammen ein soziales Spiel. Manchmal wäre ihnen aber eine Kommunikation auf Distanz lieber. Dieses Verhalten kann durchaus mit dem der Menschen verglichen werden. Dass auf dem Spaziergang jeder Hund an jedem Hund schnüffeln und dabei noch immer freundlich bleiben muss, ist in den Köpfen der Menschen entstanden und nicht in denjenigen der Hunde. - Einem Hund Kommandos beizubringen ist nicht besonders anspruchsvoll.
Kein Lebewesen, und zu denen zählt der Hund ja schliesslich auch, wird auf Knopfdruck gehorchen. Zudem sollte man wissen, dass ein Hund, der unter absolutem Gehorsam steht, kein sicherer Hund ist und in ständiger Erwartungshaltung auf das nächste Kommando lebt.
Wenn ein Hund Situationen selber bewältigen kann, erhält er Sicherheit und gewinnt Vertrauen zu seinem Menschen. Druck löst immer Unsicherheit aus. Wenn man sich auf seinen Hund einlässt, gewinnt man das Vertrauen, welches dann zu einer echten Beziehung führt. (s. auch Artikel Beziehung)
Die Beziehung ist eine Teamaufgabe zwischen Hund und Mensch ist schon etwas anspruchsvoller. Sie bedeutet, dass man Spaziergänge mit seinem Hund gemeinsam macht, gemeinsam etwas erlebt, in Gedanken bei seinem Hund ist und merkt, was er dem Menschen bei den gemeinsamen Aktivitäten alles mit seiner Körpersprache zeigt. Sie bedeutet auch, dass sich der Mensch Zeit nimmt für seinen Hund und ihn nicht einfach nur durch ständige Kommandos kurz hält, damit man seinen eigenen Bedürfnissen nachgehen kann.
Beginnen wir doch endlich den Hunden zurückzuschenken, was sie uns schon lange geben, bedingungslose Liebe.
Beziehung
Die Beziehung zwischen Hund und Menschen ist einerseits sehr, sehr schön, auf der anderen Seite ganz wichtig. Stimmt die Bindung, so hat der Hund nicht das Bedürfnis, sich von seinem Menschen zu entfernen.
So viele verschiedene Hundeschulen es gibt, so viele verschiedene Methoden, welche der Bindung Hund/Mensch dienen sollen, werden uns gelehrt. Ziel meiner Hundetrainings ist es, zu helfen, dass eine Bindung in gegenseitigem Verstehen aufbaut, ich nenne so eine Bindung eine Vertrauensbindung. Die Menschen erkennen hier, dass mit wenigen Kommandos ein Hund besser und schöner begleitet werden kann.
Einem Hund Kommandos und Unterordnung beizubringen, ist keine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Bei dieser Methode steht der Hund unter ständiger Kontrolle (Obedience, Begleithung etc.). Wie ist das bei uns Menschen? Fördert eine ständige Kontrolle durch einen anderen Menschen das Vertrauen in ihn? Nein, bei uns geschieht genau das gleiche wie beim Hund.
- Kontrolle kann das Selbstbewusstsein des Hundes untergraben. (Das heisst aber nicht, dass der Hund uneingeschränkte Freiheit haben soll!)
- Stark kontrollierte Hunde kommen in Situationen, wo die Kontrolle wegfällt, oft nur schwer zurecht. Sie haben nie gelernt, selbstständig zu denken oder zu handeln.
- Kontrolle schränkt die persönliche Freiheit ein.
- Kontrolle ist eine „Scheinsicherheit“ für den kontrollierenden Menschen.
- Die beste Beziehung ist die, wo ein Gleichgewicht und Vertrauen besteht.
- Zwischen „Kontrolle ausüben“ oder „Einfluss nehmen“ besteht ein grosser Unterschied!
Um mit seinem Hund eine Vertrauensbindung aufbauen zu können, muss man ihn verstehen und seinen Charakter annehmen können, auch wenn er mal nicht gerade unseren Wunschvorstellungen entspricht. (ist doch in der Kindererziehung auch so, oder?). In einem solchen Aufbau der Beziehung wird das Bewusstsein für den eigenen Hund gefördert.
Eine gute Beziehung zwischen Mensch und Hund heisst für MENSCH und Hund:
- Sicherheit
- Bindung
- Gemeinsamkeiten und auch Individualdistanz und individuelle Zeit
- Sich und dem Gegenüber trauen können
- Grenzen setzen und Grenzen anerkennen
- Eine Zweiwegkommunikation
- Das Gefühl angenommen zu sein und auch anzunehmen
- Stärken können gefördert, Schwächen unterstützt werden, man darf wachsen
- Teilen
- Liebe
- Lernen und lehren
Mit dem Hund zusammen unterwegs sein, kann mit Klavier spielen verglichen werden. Beim Klavier spielen reicht es nicht, nur die Grundgriffe zu kennen und zu beherrschen. Das Gefühl und das Bewusstsein, das man beim Spielen einfliessen lässt, sind relevant. Nur so kann gefühlvolle Musik entstehen. Genauso ist es bei den Hunden: Sich mit allen Sinnen auf den Hund einlassen und eine Verbindung zum Hund schaffen wenn man mit ihm unterwegs ist (auch auf dem Spaziergang), schafft eine gefühlvolle gegenseitige Vertrauensbindung.
Hunde sind sehr intelligente Wesen und Meister darin, den Menschen aufgrund seiner Körpersprache zu verstehen. Ohne dass viele Worte fallen, weiss ein selbstständig denkender Hund ganz genau, was der Mensch gerade vor hat oder von ihm möchte.
Je weniger Kommandos wir benützen, je weniger wir mit dem Hund sprechen (damit meine ich wahlloses Sprechen und nicht zielgerichtetes), desto mehr bieten wir dem Hund die Möglichkeit, selber zu lernen und zu wachsen. Er kann ein entspanntes Leben führen, weil er nicht ständig auf das nächste Kommando warten muss (Erwartungshaltung). Kleine Übung: Zählen Sie einmal einen Tag lang, wie viele Befehle Sie Ihrem Hund erteilen. Stellen Sie sich die Frage: Wenn ich mein Hund wäre, wie würde ich mich bei mir selber fühlen?
Für mich haben Kommandos nur einen Zweck: sie dienen der Sicherheit des Hundes. Ich habe gerade deren drei: „steh – Auto“, „zurück“ und „warten“. Diese Kommandos erteile ich nur, wenn es die Situation auch wirklich erfordert.
Indem man die Körpersprache und das Wesen des Hundes versteht und darauf auch entsprechend eingeht, wird mit jedem gemeinsamen positiven Erlebnis die Bindung Mensch/Hund gestärkt. Jeder Hund kann individuell in seinem Wesen gefördert werden.
Die Gefühlswelt des Hundes
Das limbische System, eine Funktionseinheit im Gehirn für die Verarbeitung von Emotionen, funktioniert beim Hund gleich wie beim Menschen. Deshalb können die Gefühle des Hundes mit der menschlichen Gefühlswelt verglichen werden. Menschen können sich vielleicht so besser in die Lage eines Hundes versetzen.
Während dem wir meistens die Wahl besitzen für unser Tun, entscheiden wir einfach zum so genannten Wohl des Hundes. Wenn man bei unserem Tun auf die Körpersprache des Hundes achtet, können wir aber sehr oft sehen, wie viel ihm unangenehm ist oder sogar Ängste auslöst.
Mit dem eingangs erwähnten Zitat von Stefan Wittlin möchte ich gerne einen „emotionalen Vergleich“ anstellen.
Niemals würden wir von einem Freund verlangen, dass er sich auf einer Ausstellung präsentieren muss oder sich einer Ankörung unterziehen muss, um eine Familie zu gründen. Einen Freund nehmen wir an, wie er ist, egal wie er aussieht, er braucht dazu keinen Rassenstandard. Oder lesen Sie sich ihre Freunde nach dem Aussehen aus? Wir würden ebenfalls von unserem Freund nicht erwarten, dass er sich uns unterordnen muss.
Mein Hund bedeutet mir mehr als ein Freund. Er ist für mich Familie. Das ist bestimmt nicht nur bei mir so. Deshalb ist es für mich unverständlich, was wir oft von unseren treusten Lebensbegleiter erwarten. Ich nehme hierzu ein Beispiel aus dem Zitat, den
Richtplatz
Ein Hund muss sich unter hunderten von Hunden und Menschen auf engstem Raum zur Schau stellen. Dabei muss er lieb und freundlich bleiben. Er darf nicht in einem Brustgeschirr vorgeführt werden, sondern an einer dünnen Ausstellungsleine, welche sehr kurz ist und ihm um den Hals gezogen wird.
An der kurzen Leine werden im Laufschritt einige Runden gelaufen, damit der Richter den Laufstil des Hundes beurteilen kann.
Vor dem Richter muss der Hund eine schöne Position einnehmen und bewegungslos stehen bleiben. Er muss respektloses Übersichbeugen erdulden (ich habe nie einen Richter gesehen, welcher sich die Mühe gemacht hätte, in die Knie zu gehen), sich den Fang öffnen lassen und eine Zahnkontrolle ertragen. Dabei geht es lediglich um die Zahnstellung und ob alle Zähne vorhanden sind.
Der Körper wird auf den Knochenbau, die Muskulatur und die Fellbeschaffenheit hin abgetastet. Den Rüden wird an die Hoden gegriffen, weil sie zwei funktionstüchtige Hoden haben müssen.
Während des ganzen Richtens, darf der Hund keine Unsicherheit zeigen (zurückweichen gilt bereits als solche). Er soll ein freundliches und lockeres Wesen zeigen.
(wenn’s nicht so traurig wäre, würde es uns wohl oft ein Schmunzeln entlocken)
Wie würde der Hundebesitzer sich wohl anstelle seines Hundes fühlen? Keine Ahnung, ich kann nicht für andere Menschen sprechen. Ich kann nur aus meinen Erfahrungen sprechen. Für mich selber ist es eine schreckliche Vorstellung und für meinen Hund war es eine schreckliche Vorstellung. Er wollte aufgrund einer Kommunikation an die Ausstellung gehen. In meinem Herzen konnte ich das irgendwie gar nicht verstehen. Heute weiss ich, warum er sich so entschieden hat. Er wollte mir damit etwas zeigen, mich etwas lehren, etwas, dass ich jetzt weitergeben kann, weil ich es selber erleben durfte.
Man sollte immer auf sein Herz hören. Wenn man in sich hineinfühlt, sich vorstellt, wie es wäre und man dann noch gut hinschaut, was der Hund zu der menschlichen Erwartungshaltung in seiner Körpersprache erzählt, kann man erkennen, ob es das ist, was ihm wirklich Freude bereitet. Der menschliche Ehrgeiz ist nämlich noch lange nicht der des Hundes.



